Zahnmedizinischer Hilfseinsatz auf den Kapverden – ein Erfahrungsbericht

Im Februar 2026 war ich zwei Wochen lang mit der Hilfsorganisation Dentists Without Limits Foundation (DWLF) – Zahnärzte ohne Grenzen auf den Kapverden. Gemeinsam mit drei Kolleginnen und Kollegen haben wir im Gesundheitszentrum Tira Chapéu in Praia, der Hauptstadt auf der Insel Santiago, Menschen behandelt, die sonst kaum Zugang zu zahnärztlicher Versorgung haben. In diesem Bericht erzähle ich, was wir erlebt haben – und was ich davon in unseren Praxisalltag in Pforzheim mitnehme.

Der Einsatz auf einen Blick

  • Zeitraum: Februar 2026, zwei Wochen
  • Ort: Gesundheitszentrum Tira Chapéu, Praia (Santiago, Kapverden)
  • Organisation: Dentists Without Limits Foundation (DWLF), Nürnberg
  • Team: vier Zahnärztinnen und Zahnärzte bzw. Assistenz
  • Bilanz: rund 170 Patientinnen und Patienten, etwa 230 Füllungen und 180 Extraktionen

Ein Land mit eigenem Takt

Die Kapverden sind ein Inselstaat im Atlantik, etwa 500 Kilometer vor der westafrikanischen Küste. Rund 500.000 Menschen leben hier. Seit 1975 ist das Land unabhängig von Portugal und gilt als eine der stabilsten Demokratien Afrikas. Wirtschaftlich bleibt es dennoch fragil: Es gibt kaum Bodenschätze, viele Menschen verdienen nur wenige hundert Euro im Monat. Und doch hatte ich nie das Gefühl, in einem Land der Verbitterung zu sein – eher in einem Land mit einem anderen Zeitempfinden. Das Motto lautet „No Stress“. Und das ist keine Floskel.

Unser Team

Wir waren zu viert: Sina, Zahnärztin mit Schwerpunkt Kinderzahnheilkunde und Zahnerhaltung; Lisa-Sophie, Fachzahnärztin für Kieferorthopädie, die als Assistenz mitarbeitete; Alex, ebenfalls in der Assistenz; und ich als Oralchirurg in der Weiterbildung zum Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen. Offiziell war ich als Teamleiter eingetragen, tatsächlich übernahm aber jeder ganz selbstverständlich seinen Teil der Verantwortung.

Zum Team wurden wir eigentlich schon auf der Anreise: Beim Zwischenstopp in Lissabon saßen wir abends zusammen und erzählten, was jeden von uns zu diesem Einsatz bewegt hatte. In der Klinik ergänzten sich unsere Fähigkeiten dann wie von selbst – Zahnerhalt, wo er möglich war, Extraktionen, wo nichts mehr zu retten war, Kinderbehandlung auf der einen, chirurgische Fälle auf der anderen Seite.

DWLF-Team mit Mitarbeiterinnen vor dem Gesundheitszentrum Tira Chapéu in Praia, Kapverden
Unser Team mit Mitarbeiterinnen vor dem Gesundheitszentrum Tira Chapéu in Praia

Arbeiten mit einfachen Mitteln

Jeden Morgen um acht holte uns ein Fahrer des Gesundheitsministeriums ab, um sechzehn Uhr brachte er uns zurück. Schon am ersten Tag warteten viele Menschen vor dem Gebäude. Für die Zahnmedizin gab es einen einzigen Behandlungsraum mit zwei Behandlungsliegen. Vieles war einfach, manches improvisiert: Materialien lagen in Koffern, Geräte funktionierten nicht immer zuverlässig.

Einmal fiel für etwa eine Stunde der Strom aus. Licht, Absaugung und Polymerisationslampe arbeiteten nur noch eingeschränkt. Also: Stirnlampe auf, Füllungen länger aushärten – und irgendwann hieß es nur noch „now only extractions possible“. Niemand regte sich auf. Und trotz der einfachen Bedingungen konnten wir dank gespendeter Materialien hochwertige Kunststofffüllungen legen. Genau dieser Gegensatz ist mir geblieben: einfache Bedingungen, aber der Anspruch, trotzdem gute Zahnmedizin zu machen.

Mobile zahnärztliche Behandlungseinheit und Behandlungsliege im Gesundheitszentrum in Praia
Mobile Behandlungseinheit mit Klappliegen
Dr. Dr. Johannes Bösch bei einer Behandlung während des DWLF-Hilfseinsatzes auf den Kapverden
Behandlung im Gesundheitszentrum

Was wir in den Mündern gesehen haben

Viele Befunde waren deutlich fortgeschrittener, als wir sie aus Deutschland kennen. Kinder hatten häufig an fast allen Milchbackenzähnen Karies. Bei Erwachsenen zeigte sich oft dasselbe Muster: Die Frontzähne waren gepflegt und meist kariesfrei – das Lächeln sollte erhalten bleiben. Weiter hinten fanden sich dagegen zerstörte Zähne, Wurzelreste, chronische Entzündungen und stark geschädigtes Zahnfleisch.

Viele Zähne, die bei uns mit einer Wurzelbehandlung erhalten worden wären, mussten wir entfernen – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil Wurzelbehandlungen oder Zahnersatz für die meisten Menschen schlicht nicht bezahlbar sind. Wir haben deshalb in einer Sitzung möglichst alles behandelt, was anstand: mehrere Füllungen, mehrere Extraktionen, oft beides. Denn niemand wusste, wann diese Patientinnen und Patienten das nächste Mal einen Zahnarzt sehen würden. Das verändert jede Behandlungsentscheidung.

Zwei Zahnärztinnen des DWLF-Teams behandeln einen Patienten in Praia, Kapverden
Teamarbeit am Behandlungsstuhl

Prävention: der größte Hebel

Ein wichtiger Teil des Einsatzes war der Besuch einer Grundschule in Praia. Direkt neben dem Schultor verkauften Händler Süßigkeiten und Lutscher – auf der einen Seite wollten wir über Mundhygiene sprechen, auf der anderen Seite begann die nächste Kariesquelle. Gerade bei der hohen Zahl an kariösen Milchzähnen wurde mir dort klar: Füllungen und Extraktionen helfen akut. Den größeren, nachhaltigeren Hebel haben aber Aufklärung, gemeinsames Zähneputzen und kindgerechte Mundhygieneprogramme.

Diese Erfahrung bestärkt mich in etwas, das auch in unserer Praxisklinik im Mittelpunkt steht: Vorbeugen ist besser als behandeln. Deshalb nehmen Prophylaxe und professionelle Zahnreinigung bei uns einen festen Platz ein – für Kinder wie für Erwachsene.

Begegnungen, die bleiben

Im Gesundheitszentrum wurden wir jeden Morgen herzlich empfangen, die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen vor Ort war unkompliziert. Zeitweise unterstützte uns Elisabeth, eine kapverdische Zahnärztin. Mein Rat für alle, die einen solchen Einsatz planen: Lernen Sie ein paar Worte Portugiesisch. Niemand geht gern zum Zahnarzt – und wer sich ohnehin ausgeliefert fühlt, fasst schneller Vertrauen, wenn der Behandler das Wichtigste direkt sagen kann.

Besonders berührt hat mich die Begegnung mit Dr. Wolfgang Kehl, der zum ersten Todestag seiner Frau Ute auf die Kapverden gekommen war. Beide hatten über viele Jahre die zahnärztliche Versorgung vor Ort mit aufgebaut.

Und noch etwas ist mir geblieben: Die Menschen legten großen Wert auf ihr Äußeres – Frisuren, Kleidung, Haltung. Kinder trugen kunstvoll geflochtene Haare mit bunten Kordeln. Dahinter steckt etwas, das uns alle verbindet: Jeder Mensch möchte sich schön und wohl fühlen – auch dort, wo die Möglichkeiten begrenzt sind. Viel Musik, viel Lachen, abends Fußball am Strand: Lebensfreude hängt nicht zwangsläufig vom Wohlstand ab.

Was bleibt

Ein solcher Einsatz verändert nicht plötzlich alles. Aber er schenkt eine neue Perspektive. Man versteht noch deutlicher, wie wertvoll unser Gesundheitssystem ist: der Zugang zu Diagnostik, Behandlung, Nachsorge und hygienischen Standards, die uns selbstverständlich erscheinen. Und man erlebt eine Dankbarkeit, die man nicht vergisst – und das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden.

Mitgenommen habe ich vor allem Gelassenheit, die Fähigkeit zu improvisieren – und das Glück, ganz unverhofft Teil eines so tollen Teams gewesen zu sein. Mein Dank gilt der DWLF, dem Team vor Ort und allen, die mit Spenden diese Arbeit möglich machen. Wer die Arbeit von Zahnärzte ohne Grenzen unterstützen möchte, findet alle Informationen unter www.dwlf.org.

Steilküste auf den Kapverden
Dr. Dr. Johannes Bösch

Ein Erfahrungsbericht von Dr. med. Dr. med. dent. Johannes Bösch, Arzt und Zahnarzt, Fachzahnarzt für Oralchirurgie